Gesellschaftlicher Rundumschlag
Ich frage mich fast täglich, in was für einer Welt wir eigentlich leben. Dabei meine ich gar nicht die Welt unzähliger Kriege, die gerade irgendwo auf diesem unserem schönen Planeten ebendiesen Stück für Stück zerstören. Und ich meine auch nicht die Welt der international operierenden Despoten, die Ihr Volk systematisch aussaugen und zum Dank auch noch wiedergewählt werden.
Im 19. Jahrhundert gab es in China ein gewaltiges Problem mit einer Volksdroge. Über 45 Millionen Chinesen kosumierten damals das wichtigste chinesische Importgut Opium. Diese weit verbreitete Konsum der Droge, ließ Gesellschaft und Wirtschaft kollabieren. Trotz drastischer Strafen, bauten die Bauern nicht mehr Reis an, sondern den wesentlich lukrativeren Mohn, den man zur Herstellung von Opium benötigte.
Und nein, ich meine auch nicht die Welt der Kriminalität, die sich wie ein allumspannender Riesenpilz über die Erde ausbreitet und sie mit seinem Wurzelgeflecht einzuspinnen droht. Nein, ich meine ‚uns‘ hier in Deutschland. Ich meine das, was wir unsere Gesellschaft nennen. Wo auf der Regierung herumgehackt wird, weil sie angeblich nichts entscheiden, währenddessen der Hackende bequem auf seinem Sofa sitzend kaum zwischen Smartphone und Fernseher zu entscheiden in der Lage ist. Immer auf die anderen zeigen ist die Devise der heutigen Zeit. Man schaut lieber auf die Fehler anderer, um schön und systematisch ablenken zu können von den eigenen Fehler. Es lebt sich einfach gut und easy nach dem Motto: „Warum tun die (da oben) nichts“ und aalen uns selbst in der, unseren Arbeitgebern mangels Personalmangel abgepressten, Work-Life-Balance. Wir werden unser Land nicht mit Teilzeit, HomeOffice und Gendering voran bringen, es nicht einmal vor gewaltigen Rückschritten bewahren. Wir stehen gerade am Anfang eines Hauen-und-Stechen Zyklus‘ um die wenigen woken Arbeitskräfte, die sich vor lauter Angeboten kaum für einen Job werden entscheiden können. Dann sind in den Vorstellungsgesprächen die Rollen vertauscht. Dann ist der Arbeitgeber der Bittsteller und der Bewerber der Fordernde. Und wenn der Arbeit- und Geldgeber nach erfolgter Einstellung dann nicht spurt oder gar zu viel (Arbeitsleistung) verlangt, läßt man das Arbeitsverhältnis so langsam ausschleichen … das nächste – und ganz bestimmt auch besser notierte – Angebot wartet schon. Wie war die neulich von mir in der Bahn aufgeschnappte Antwort eines Jugendlichen auf die Frage seines Freundes nach dem neuen Arbeitsplatz? „Ganz easy“, na denn … armes Deutschland.
Ich bin der Meinung, unsere sogenannte Gesellschaft ist durch und durch kaputt und korrumpiert. Es wird nicht mehr lange dauern und alles zusammenbrechen. Der geneigte Leser – so er denn bis hierher meinen Zeilen gefolgt ist – wird sich fragen: Was meint er denn? Es ist doch alles gut so, wie es ist … oder? Nein! Ist es nicht. Und genau das ist das Problem. Die Gesellschaft marodiert trunken von Beliebigkeit vor sich hin, schaut bei Problemen einfach weg oder auf’s Smartphone und klopft sich dabei noch kräftig auf die Schulter. Diese Welt, in der die einstigen Werte Zusammenhalt, Verantwortungsbewußtsein und Verlässlichkeit ersetzt worden sind durch Likes, Matches und ‚weiß-noch-nicht’s, kann nur noch recycelt oder ge-phönix-t werden. An die Möglichkeit der Wiederauferstehung dieser Gesellschaft aus der Asche eines Vogels der griechischen Mythologie – oder besser aus dem Harry Potter-Universum – glaube ich natürlich nicht. Auch fällt es mir schwer daran zu glauben, dass sich die Jünger der Beliebig- und Belanglosigkeit runderneuer künftigen Aufgaben stellen werden. Es ist wie bei einer warmen Dusche, nachdem man durch das winterliche Draußen völlig ausgekühlt seine Wohnung und Badezimmer betreten hat. Es bedarf einer Menge Warmwasser, bis die damit transportierte Wärme im Kern angekommen ist. Nun besteht in diesem Beispiel bei dem Duscher das dringende Bedürfnis nach Kernwärme, also ein zwingendes Motiv, was ihn so lange aushalten läßt, bis sie erreicht wird. Diese Geduld bringt die Gesellschaft heutzutage natürlich nicht mehr auf, weil sie bei der ständigen Jagd nach dem nächsten Mainstream schnell vergißt, wie kostbar doch Lebenszeit ist. Mich würde mal brennend interessieren, wieviel kostbare Zeit durch Wischen, Klicken, Tippen und Glotzen so am Tag sinnlos verprasst wird. Hoffentlich schreibt mal jemand eine Doktorarbeit darüber und veröffentlicht sie auf den Social Media-Plattformen.
Bedürfnis nach Kernwärme, also ein zwingendes Motiv, was ihn so lange aushalten läßt, bis sie erreicht wird. Diese Geduld bringt die Gesellschaft heutzutage natürlich nicht mehr auf, weil sie bei der ständigen Jagd nach dem nächsten Mainstream schnell vergißt, wie kostbar doch Lebenszeit ist. Mich würde mal brennend interessieren, wieviel kostbare Zeit durch Wischen, Klicken, Tippen und Glotzen so am Tag sinnlos verprasst wird. Hoffentlich schreibt mal jemand eine Doktorarbeit darüber und veröffentlicht sie auf den Social Media-Plattformen. Dort tummeln sich schon viel zu viele Menschen, die zwar eine Meinung haben aber keine Meinung sich zu engagieren. Zugegeben, es ist schon wesentlich bequemer, seine Auffassungen, bar jeglicher ernsthafter Überprüfbar- und Sachlichkeit, in irgendein weltverbundendes Gerät zu tackern, als sich dem handfesten Kümmern zu verschreiben. Sofern auch nur der Anschein erweckt wird, es könnte sich um ein regelmäßiges Engagement auf Sicht (unbestimmt) handeln, sind die meisten Meinungsträger schlichtweg abgeschreckt und lassen sich wieder fallen in ihre eigene Beliebigkeit. Früher gab es mal einen aus heutiger Sicht völlig vergenderten Spruch: „Ein Mann, ein Wort“, den ich sehr geliebt und auch selber praktiziert habe, der aktuell allerdings nur noch soviel Wert hat, wie eine 1-Cent-Münze. Leider habe ich immer dem – natürlich auch von einer Frau – im eigentlich gemeinten Sinne abgegebenen Wort vertraut, ohne jedoch zu erahnen, dass dieses Wort keineswegs eine Absichtserklärung bedeuten muss und es sich vielmehr um ein Wort mit einer kurzen Gültigkeit, die der Zerfallzeit von Myonen ähnelt, handeln kann. Wenn ich bedenke, was ich manchmal so angestellt habe, nur um mein Wort halten zu können, setzt mir die heutige En Vogue-Mentalität schon sehr zu. Aber, dass ist natürlich mein Problem.
Was soll bloss aus der einst fleißigsten Nation der wirtschaftlichen Welt werden, in der mehr danach gefragt wird, was der Arbeitgeber für den Beschäftigten tun kann, als umgekehrt. Diese – frei nach dem berühmten JFK-Zitat – Einstellung durchdringt immer mehr die Gesellschaft, wie eine Droge, die Realität durch Halluzinationen ersetzt und sich vom Träger nicht mehr als real verifizieren lassen kann. Mit dem Unterschied, dass eine Droge flüchtiger Natur ist und bei Ihrer Flucht wieder genügend Raum der – zwar harten aber einzig wahren – Wahrhaftigkeit hinterlässt. Die chauvinistische Einstellung jedoch bleibt und pflanzt sich in unseren Hirnen weiter fleißig fort. Wir haben uns als Staat mittlerweile in einen schwer manövrierbaren Verwaltungsbrei verwandelt, der mehr Papier erzeugt als Wohnraum. Man möchte dem Staat am liebsten direkt ins Gesicht schreien, sofern er als solches wahrnehmbar zur Verfügung stehen würde: „Reiß Dich endlich zusammen und erledige Deine Aufgaben.“ Unsere Regierung wurde gewählt, damit sie Probleme anpackt und löst und nicht, um sich telegen zu streiten und gegenseitig zu diskreditieren. Man hat es sich so schön eingerichtet in der globalgalaktischen Wohlfühlzone Deutschland und den anderen Staaten dabei, generös beifallnickend, zugesehen, wie sie mit den eigentlich urdeutschen Tugenden an uns vorbeiziehen. Nach dem viel zu späten teutonischen Erwachen, schicken wir uns nun an, den Vorbeigezogenen hinterherzustolpern. Aber wie das zumeist beim Hinter-irgendwas-Hinterherhecheln nun mal so ist, macht man es erstens zu spät und zweitens nur noch schlecht.
Es ist dann so, als bauten wir eine Autobahn, bei der die Trasse direkt auf einen Abgrund zuläuft. Und weil niemand weiß, wie eine Kehrtwende funktioniert, wird weitergebaut, so als wüchse in der Zukunft der Abgrund schon zu. ‚Nach mir die Sintflut‘ lautet häufig die Devise, nach der immer wieder Groß-Projekte zu Kleingeist-Projekten degenerieren. Auch gibt es einen großen Unterschied zwischen dem deutschen Gemeinwesen (oder heißt das gemeinen Wesen?) und dem vorauseilender Staaten: Kaum wird hier ein (Groß-) projekt geplant, hat sich auch schon eine Bürgerinitiative dagegen gegründet und konstituiert. So als warte man nur darauf, wieder und wieder Vorhaben des Staates torpedieren zu können, nur um das eigene Meinungsbild „Die tun ja nichts“ weiterhin gepflegt halten zu können. Deutschland ist auf dem Weg von einer Bananen- in eine Kartoffelrepublik zu mutieren und viele Bürger mit dem Verstand ebendieser Feldfrucht helfen kontinuierlich dabei, diesen Prozess zu beschleunigen.